CHE PRESENTE @ MANIFIESTA in Bredene aan Zee, Belgien

Bredene, 19. September 2015

Am Samstag, dem 19. September trafen Gerardo Hernández Nordelo, seine Ehefrau Adriana Pérez O’Connor und beider 9-monatiges Töchterchen Gema Hernández Pérez auf ihrer Europa-Tournee, nach vorherigen Stationen in Paris und Brüssel, um 10:45 Uhr auf dem für CHE PRESENTE @ MANIFIESTA, dem Fest für "Mutualiteit Socialistas" den "gegenseitigen Austausch von Sozialisten" - einer vergleichbaren Veranstaltung wie das UZ-Pressefest, nur etwas kleiner - in Bredene angemieteten Gelände ein und wurden gleich von ihren zahlreichen Unterstützern freudig umringt. Fast genau so viele große und kleine Kameras hielten den bejubelten Empfang bei strahlendem Sonnenschein fest.
In Brüssel hatte es zuvor schon einen feierlichen Empfang in der kubanischen Botschaft gegeben, zu der das belgische "Free the Five"-Komitee eingeladen gewesen war [siehe Bericht mit Fotos:], und Gerardo Hernández war von Parlamentariern des belgischen Parlaments zu einem Gespräch eingeladen worden, wovon der belgische Fernsehsender "VRT" eine Reportage gesendet hatte, siehe: "Gerardo op het VRT journaal", siehe auch "Gerardo van the Cuban Five vandaag op Radio1 en zaterdag op ChePresente"

Jetzt wollten alle Anwesenden den Dreien natürlich so nahe wie möglich kommen, um sie umarmen und küssen zu können. Dank Marc Vandepitte, einem der Mitstreiter "der ersten Stunde" gelang es uns, uns ihnen im Gedränge doch auch erkennen zu geben und Adriana unser kleines Geschenk für Gema zu überreichen: eine aufhängbare Baby-Spieluhr, die "Somewhere over the Rainbow" abspielt, wenn man an der dafür vorgesehenen Schnur zieht. Adriana probierte es gleich aus und hielt Gema die erklingende Melodie ans Ohr. Aber noch war der Trubel rund um viel zu groß, als dass sich das Kind ihr hätte mit Aufmerksamkeit hingeben können.
Wir hatten dem Geschenk aber auch noch einen Brief beigefügt, den wahrscheinlich letzten Dankesbrief an Gerardo und alle tapferen fünf so vorbildlichen "Helden der Republik Kuba" nach den vielen anderen, die Gerardo, Ramón, Antonio, Fernando und René 2002 bis 2014 noch in ihren jeweiligen U.S.-Gefängnissen erreichen konnten, Gerardo im Hochsicherheitsgefängnis in Kalifornien, auch diesmal wieder mit den besten Grüßen aus der deutschen Solidargemeinschaft.

In Begleitung der Menge zog die glücksstrahlende Familie dann in das geschmückte Festzelt ein. Auf dem Podium - vor dem Hintergrund des Fotos von ihrer Familie in Großformat - angekommen, bedankten sich Gerardo und Adriana wortreich und herzlich im Namen aller "Cuban Five", von Ramón Labañino, Antonio Guerrero, Fernando González und René González, für die erlebte internationale Unterstützung, wobei Gerardo betonte, dass sich die "große Politik" sicher nicht bewegt hätte, hätte es nicht die weit über ein Jahrzehnt andauernde internationale Solidarität gegeben, all’ die vielen Briefe an die Parlamentarier und Prominenz dieser Welt, die großen und kleinen Aktionen für ihre Befreiung - immer gegen die Ignoranz der Massenmedien.
Da er nun wahrgenommen hatte, dass auch Komiteemitglieder der deutschen Solidaritätsbewegung und eine Koordinatorin der Solidaritätsbewegung für die "Cuban Five" aus Österreich angereist waren, um ihn und seine Familie hier willkommen zu heißen, bedankte er sich ausdrücklich auch bei den Deutschen und Österreichern, deren Vertreter er namentlich nannte.
Währenddessen schaute Baby Gema wachen Auges auf uns herab und versuchte, sich mit Lauten ebenfalls zu beteiligen.
Dann wurde Sekt ausgeschenkt. Und wir Anwesenden konnten daher schließlich noch unter "íViva Cuba!" - Hochrufen unser Glas zu dieser ersten Willkommensveranstaltung in Bredene erheben.

"We freed the Five!"

"Wir befreiten die Fünf!" so lautete das Motto der belgischen Solidaritätsgruppe "Iniciativa Cuba Socialista" dann bei der nach der Mittagspause in einem anderen Zelt organisierten darauf folgenden Konferenz.

Auf dem Podium stand uns wieder die ganze Familie von Gerardo zur Verfügung sowie die Moderatorin Katrien Demuynck und drei namhafte Unterstützer des belgischen Komitees: Kurt De Loor, Jurist und Mitglied des flämischen Parlaments, Antonio Zonca, Sekretär der FGTB - Metallos Charleroi (sozialistische Gewerkschaft) und Barend Claessens, Verantwortlicher der internationalen Kampagne der CSC-ACV Brussel-Halle-Vilvoorde (christliche Gewerkschaft).
Katrien hieß alle herzlich willkommen, stellte uns Gerardo Hernández Nordelo, "den ehemaligen Chef des kubanischen Agentennetzwerks, des "La Red Avispa" in Miami, und seine Familie vor. Sie sagte, während Gerardo jetzt zum ersten Mal in Belgien sein könne, sei seine Frau Adriana schon zum zehnten Mal hier, nach ihren neun vorherigen Besuchen. Sie gab den Anwesenden zunächst, "um alle ins Bild zu setzen", einen Überblick über die kubanische Situation seit der Revolution, d.h. über die Auswirkungen der von den USA über Kuba verhängten Handels-, Wirtschafts- und Finanzblockade im Allgemeinen und die hauptsächlich von Miami ausgehenden Terroranschläge paramilitärischer Gruppen auf die Insel im Besonderen.
Dann folgten wieder Dankesreden im Namen aller Fünf sowohl von Gerardo als auch von Adriana.
Der flämische Abgeordnete und Jurist sagte, ihn habe der Fall der Fünf von Anbeginn an seine Erfahrungen bei seiner Teilnahme an den Solidaritätsaktionen für Nelson Mandela in den ’80ern erinnert, der dank der internationalen Solidarität und nicht zuletzt dank des kubanischen Militäreinsatzes in Angola befreit werden konnte. Er berichtete davon, wie Politiker gewonnen werden mussten, um das Weiße Haus zu erreichen und nannte auch andere belgische Parlamentarier insbesondere einen, dessen Brief Obama von all’ den zahllosen an ihn ergangenen Briefen zugunsten der Freilassung der Fünf wahrscheinlich tatsächlich erreicht habe.

Auch die beiden Gewerkschaftsvertreter berichteten von ihrer Teilnahme an der Befreiungskampagne für die Fünf.
Barend Claessens griff das Thema "Nelson Mandela" auf und sagte, dass auch er ähnliche Erfahrungen mit beiden Fällen gemacht habe wie sein Vorredner.

Katrien berichtete über die 17-monatige Isolationshaft der Fünf in Miami vor ihrem Prozess und ihre Gefängnisaufenthalte danach und ihre eigenen Erfahrungen während des dreimaligen Besuchs von Gerardo im Hochsicherheitsgefängnis in Kalifornien, dessen bedrohliche Atmosphäre im krassen Gegensatz zum erstaunlichen Optimismus und Humor von Gerardo gestanden habe.
Dann interviewte sie Gerardo, indem sie ihn über seine Motive befragte, sich auf diese gefährliche Mission in Miami zu begeben, ihn bat zu berichten, wie es ihm bei seiner Verhaftung und im Gefängnis ergangen sei und wie dann am Ende bei den undurchsichtigen Vorgängen in Vorbereitung auf die Befreiung aller Fünf nach über 16 Jahren Gefangenschaft.

Gerardo antwortete unbefangen und offen auf alle Fragen: Er sei zwar zu jung gewesen, um sich an der Kubanischen Revolution zu beteiligen, sei aber in deren Geist herangewachsen und habe schließlich die ständige Bedrohung seitens der mächtigen Nachbarn wahrgenommen und seine Ausbildung im diplomatischen Dienst darauf ausgerichtet. Er habe an der angolanischen Mission bereits im Auftrag des Kubanischen Geheimdienstes teilgenommen. Er erwähnte, dass René, der ebenfalls zuvor als Pilot in Angola gewesen sei, beispielsweise schon vor ihm mit einem "gestohlenen" Kleinflugzeug unter Vortäuschung einer Flucht aus Kuba in Miami angekommen sei. Er selbst sei dort dann als Puertoricaner aufgetreten. Er berichtete, wie eines Morgens das FBI in seine Wohnung eingebrochen sei, ihn gewaltsam aus dem Bett gezogen und ihm sogar auch den Mund aufgerissen habe, um vielleicht eine Zyankalikapsel daraus zu sichern und schilderte, nicht ohne belustigten Unterton, wie es insbesondere den puertoricanischen FBI-Chef Hector Pesquera bei dem Verhör danach in Rage gebracht habe, ihm trotz detaillierter Nachfragen nicht beweisen zu können, dass er kein Puertoricaner, sondern kubanischer Agent sei. Er berichtete, wie ihm, dem Atheisten, während der ersten 17-monatigen Isolationshaft im "Loch" eine Bibel gebracht worden sei, in der dann ein Zettel mit dem Verhandlungsangebot lag, seine Strafe abzumildern, wenn er "geständig" sein wolle.
Den anderen sei es ähnlich ergangen.
Wer gedacht habe, dass "9/11" bei der U.S.-Regierung oder bei den Richtern in ihrem Prozess Verständnis für die Verteidigung Kubas auch mit Hilfe von "nicht-registrierten Geheimdienstagenten" hervorgerufen hätte, der habe sich getäuscht.
Und er schilderte seine spätere Isolationshaft im Hochsicherheitsgefängnis 2003, als das Toilettenwasser durch die Decke auf sein Betonbett in der engen Zelle tropfte....
Schließlich erzählte er - auch dies, wer weiß zum wievielten Mal - von seiner zuvor geheimgehaltenen Befreiung, die selbst für das Gefängnispersonal völlig überraschend gewesen zu sein schien und dann über mehrere Stationen wie der Isolationszelle im Gefängnis von Oklahoma vonstatten gegangen sei, bis zu seiner Landung auf dem Flughafen José Martí von Havanna und dem offiziellen Empfang von Staatschef Raúl Castro.
Inzwischen war Klein-Gema doch unruhig geworden und fing auf dem Schoß ihrer Mutter an zu zappeln, man reichte ihr aus der ersten Reihe ein Fläschchen, dessen Inhalt sie gierig leer trank, aber auch danach schien es besser zu sein, sie doch von der weiteren Veranstaltung zu entlasten und sie der die Familie begleitenden kubanischen Babysitterin zu übergeben.
Katrien fragte unterdes ins Publikum, ob es noch Fragen an Gerardo und Adriana gebe.
Einer fragte Gerardo, was er jetzt vorhätte. Gerardo antwortete, er stehe weiterhin für sein Land zur Verfügung, für welche Aufgabe auch immer.
Ein anderer fragte ihn, wie er es so lange habe im Gefängnis aushalten können, ohne zu verzweifeln.
Gerardo antwortete, das Bewusstsein, dass das kubanische Volk hinter ihm stehe und die vielen Briefe, manchmal Hunderte an einem Tag aus aller Welt, hätten allen Fünfen geholfen durchzuhalten.

Jemand wollte näher wissen, wie er zu der Beschuldigung stehe, er sei an dem Flugzeugabschuss 1996 beteiligt gewesen und dass der Abschuss über internationalem Gewässer geschehen sei.
Gerardo wiederholte geduldig, was er schon in seiner eidesstattlichen Erklärung vom 21.03.2011 im Rahmen des "Habeas-Corpus" Antrags seiner Anwälte zum Beweis seiner "tatsächlichen Unschuld" dargelegt hatte, dass er nämlich zur fraglichen Zeit mit dem Auftrag beschäftigt gewesen sei, einem anderen Agenten, Juan Pablo Roque, eine sichere Heimreise nach Kuba zu ermöglichen, nämlich mit der Operation "Venecia".
Er erinnerte auch an die zahllosen Versuche der kubanischen Regierung, die U.S.-Behörden zu erreichen, damit diese dem wiederholten und bedrohlichen Eindringen in den kubanischen Luftraum seitens der "Brothers to the Rescue" ein Ende setzten. Er wies immer lebhafter werdend daraufhin, dass es Satellitenaufnahmen im Besitz der U.S.-Behörden von dem Ereignis gebe, die zeigen könnten, wo die beiden Kleinflugzeuge abgeschossen worden seien, ob über internationalem oder kubanischen Gewässer, aber die U.S.-Behörden weigerten sich nach wie vor, dieses Beweismaterial freizugeben.
"Die Beweislast liegt in Miami," rief er schließlich aus.

Jemand anders wollte wissen, wie es Adriana zur Zeit von Gerardos Verhaftung ergangen sei, was sie von der Arbeit ihres Ehemannes gewusst habe.
Adriana antwortete, sie habe - wie auch alle anderen Familienmitglieder der Fünf - am 14. September 1998 von der Verhaftung erfahren, danach hätten sie alle nichts über den Verbleib ihrer Angehörigen erfahren können. Insbesondere bis zu dem Prozess Ende 2000 sei es eine schreckliche Zeit der Ungewissheit gewesen. Die Angehörigen der Fünf in Kuba hätten zuvor auch nichts von der eigentlichen Tätigkeit ihrer Verwandten gewusst. Man habe ihr beispielsweise gesagt, ihr Ehemann mache im Ausland eine weitere Ausbildung.
Auf die Frage, wie sie denn schwanger geworden sei, antwortete sie, dass sie beispielsweise einen US.-Abgeordneten, der in Havanna zu Besuch war [als bereits die geheimen Verhandlungen über einen Gefangenaustausch zwischen den USA und Kuba liefen], in dessen Hotel aufgesucht, um ihn um die Weiterleitung ihres Wunsches, der Ermöglichung einer künstlichen Befruchtung zu bitten, was dann schließlich 2014 insgeheim ermöglicht worden sei.
Katrien warf ein, Gema sei die "Frucht der internationalen Solidarität" und erzielte damit einen Lacher im Publikum.
Ein jugendlich aussehender Teilnehmer fragte, wie denn die jungen Leute in Kuba über die jetzige "Annäherung" zwischen den USA und Kuba dächten und ob sie auch den "Geist der Revolution" bewahren wollten.
Gerardo antwortete, er sei vor Kurzem erst auf einer Festveranstaltung der "Kommunistischen Jugend" gewesen und habe dort den Eindruck gewonnen, dass die Jugend Kubas weiterhin und zwar "enthusiastisch" für die Kubanische Revolution arbeiten wolle.

Irgendwann fiel plötzlich der Strom aus, Lautsprecher und Simultananlagen funktionierten nicht mehr, worauf Gerardo lachend so etwas ausrief wie "Miami lässt grüßen!"
Die Übersetzer eilten von hinten aus ihren Kabinen nach vorne, um die Veranstaltung auch ohne Mikrofone und Lautsprecher fortzusetzen. Sie riefen ihre jeweiligen Übersetzungen in den drei Konferenzsprachen, Niederländisch, Französisch und Spanisch, tapfer weiter in den Saal, aber schließlich musste die Veranstaltung doch beendet werden.

Aus der Erinnerung von Josie Michel-Brüning

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